Der König des Vielen
Unendlich ist das Meer der Geschichten. Aus diesem Unendlichen schöpfe ich jetzt eine Geschichte für Dich.
Stell Dir einen Tag im Januar vor. Die Sonne versteckt sich hinter zweitausend Metern Nimbuswolken, düsteres Licht fällt auf die Erde und niemand erwartet etwas anderes, obwohl jeder etwas anderes erhofft: Strahlendes Licht, Blau, Weiß, Liebe, Wärme, alles, was das Gegenteil dieses Tages ist.
Und ich? Ich sitze hier und träume mich davon. Ich träume mich in zukünftige und vergangene Zeiten. Oder ich erinnere mich an die Wahrheit.
Ich träume oder erinnere mich an einen Ort. Ein sehr, sehr kleines Dorf am Ende der Welt, versunken in wunderbarer Bedeutungslosigkeit. Niemand außer mir sollte dort König sein, und nur deshalb hätte ich es werden können. Ich kam dort an - eine Wegmarke auf einer langen Reise - um am nächsten Morgen wieder zu gehen. Nichts weiter war dieses Dorf zunächst als ein warmes, sauberes Bett für eine einzige Nacht, die ich nur mit meinen Träumen teilte. Die Frau, die ich liebte, war fern, und ich war fern von ihr. Ich wollte mit mir allein sein.

Ich hatte ein Zimmer in einem bescheidenen Gasthaus gemietet. Nach einem langen Spaziergang durch den Ort, der eine eigentümlich anziehende, aber auch schwer beschreibbare Atmosphäre hatte, suchte ich mir einen Platz im Schankraum, um etwas zu Abend zu essen und ein, zwei Gläser Wein zu trinken. Einige alte Männer saßen am Nebentisch. Ein grauhaariger Bauer, seine Stiefel ließen auf seine Arbeit schließen, betrachtete mich mit vorsichtiger Neugier und nicht ohne Freundlichkeit. Er machte eine kurze Kopfbewegung zur Theke hin, der Wirt goss ein Glas Rotwein ein und brachte es an meinen Tisch. So etwas war mir früher oft passiert - die Menschen hier sind ein gastfreundliches Volk - aber die vielen Touristen haben diese Bräuche selten werden lassen. Ich dankte mit einem Kopfnicken und trank dem Alten zu.
„Auf den König!“ erwiderte mein Gastgeber.
Ich nahm an, dass er damit den König seiner kleinen Monarchie meinte und wiederholte:
„Auf den König!“
Keine der Flaschen hatte ein Etikett. Wahrscheinlich war es der gleiche, etwas derbe Rotwein, den ich im Glas hatte. Er schmeckte erdig, mit einer leichten Holznote und kräftiger Säure. Aber im Hintergrund, im Nachklang, hatte er etwas Eigentümliches. Es war, wie wenn sich der Wein im Mund wandelte. Wenn man einige Schlucke getrunken hatte, blieb eine Art federleichter, exotischer Fruchtgeschmack im Gaumen zurück, der lange anhielt.
Der nächste Schluck war wieder von drastischer Derbheit, zerstörte augenblicklich das Federleichte, um es einige Sekunden später wieder aufzubauen. Ich hatte so einen widerspruchsvollen Wein noch nie getrunken. Ich musterte mein Glas mit einiger Neugier und auch etwas Irritation. Den Männern am Nebentisch musste das aufgefallen sein, denn sie steckten die Köpfe zusammen, sprachen leise und blickten zu mir hin, während sie immer wieder bedächtige, kleine Schlucke aus ihren Bechern nahmen.
Ich wollte gerade fragen, was ich da trank , als sich das Mädchen, das den Flaschenkorb hinter der Theke abgestellt hatte, an meinen Tisch setzte und in einer langsamen und gepflegten Sprache zu reden begann.
„Wie schmeckt Ihnen unser Wein?“
Als ich nicht gleich antwortete, ergänzte sie: „Er wächst hier im Garten meines Vaters, aber ich fürchte, er ist sehr einfach und Sie sind sicher Besseres gewöhnt.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, das ist es nicht. Dieser Wein irritiert mich. Er kommt daher wie ein Bauer und geht wie ein König. Verstehen Sie, was ich meine?“
Sie sah mich forschend an.
„Ich meine, wie ist dieser Wein? Ist er derb und erdig oder fruchtig und fein? Ich habe noch nie so etwas getrunken. Er ist außergewöhnlich.“
Am Nebentisch war es ruhig geworden.
„ Es gibt bei uns eine Geschichte über diesen Wein“, sagte sie leise „oder soll ich lieber sagen, eine Prophezeiung. Es heißt, dass, wenn der Richtige käme, er aus dem Geschmack des Weines seinen Weg lesen könne.“
Sie schaute mich mit einer Mischung aus Interesse und Verlegenheit an.
„Ich bin kein Bauer und schon gar kein König. Ich fürchte, zu beidem fehlt mir das Talent,“ antwortete ich.
„Haben Sie denn nie gesät?“ fragte sie
„Oh doch, viel sogar. Aber das Bestellen der Felder ist mir, glaube ich, nicht sonderlich gut gelungen.“
„Wir sähen, aber Wachsen lässt Gott,“ sagte der Wirt, der hinter dem Tresen hervorgekommen war und sich mit einem Seufzer auf einen Stuhl an meinem Tisch setzte.
Die Männer am Nebentisch schwiegen noch immer.
„Warum denken Sie, dass Ihnen das Bestellen der Felder nicht sonderlich gut gelungen ist?“ fragte die junge Frau weiter.
Mir wurde ein wenig unbehaglich. Ich war ein Fremder in diesem Dorf am Südende einer kleinen Insel. Ich war hierher gekommen, um Leib und Seele von den unverbrauchten Meerwinden reinigen zu lassen, wollte nicht auffallen, alleine mit mir sein und darüber nachdenken, was in meinem Leben als nächstes zu tun war. Doch inmitten dieser Menschen, die ich nie gesehen hatte und wohl auch nie wieder sehen würde, stellte man mir Fragen, die mich schon mein ganzes Leben um getrieben hatten. Was wollten Sie von mir?
„Ist Ihnen die Frage unangenehm?“
„Leona“, brummte der Wirt freundlich „das hier ist doch kein Verhör. Meine Tochter hängt halt an solch mystischen Dingen. Entschuldigen Sie. Aber andererseits ist schon etwas Wahres dran.“
Hier war es wieder, dieses merkwürdige Gefühl, dass sich hier hinter allem etwas verbarg. Trotz seines rauhen Äußeren sprach der Wirt die gleiche gepflegte Sprache wie seine Tochter. So redete kein Wirt eines kleinen Gasthauses am Ende der Welt. Er blieb in einer Haltung am Tisch sitzen, als ob sein Einwurf rein rhetorische Bedeutung gehabt hätte und er eigentlich doch eine Antwort von mir erwartete.
„Nein“ sagte ich nach einigem Zögern, „die Frage ist mir nicht unangenehm. Ich weiß nur nicht, wie ich antworten soll. Ich könnte sagen, dass in meinem Leben soviel geschehen ist, was ich nicht erwartet hätte und so wenig von dem, was ich wollte.“
„Ich weiß, was Sie meinen“ . Der Bauer vom Nebentisch wandte sich mir zu. „Sehen Sie mich an. Was sehen Sie?“ Er beantwortete die Frage selbst. „Einen Bauern mit dreckigen Stiefeln. Gesät habe ich Fleiß um Ruhm zu ernten, und nun bin ich Bauer auf einer winzigen Insel, fernab von Allem.“
„Manuel“, sagte der Wirt „war einer der berühmtesten Herzchirurgen Argentiniens, bis er hierher kam und unseren Wein trank. Wie lange ist das her?“
„Zehn Jahre auf den Tag“, antwortete Manuel. „Zehn kurze Jahre. Drei weniger als Du, Fernando.“ Dabei nickte er dem Wirt zu. „Auch ich habe dieses merkwürdige Gefühl der Irritation gehabt, als ich diesen Wein trank. Aber es war genau andersherum. Ich schmeckte am Anfang etwas Leichtes, Nobles und im Nachklang einen Hauch von Meer und Erde. Ich verkaufte meine Praxis, vermachte das meiste Geld meinen Kindern und verschwand aus Buenos Aires. Ich sei ein bisschen verrückt geworden, hieß es damals. Meine Kinder hielten mich für mehr als ein wenig verrückt. Ich glaube, sie wollten mich sogar entmündigen lassen, aber,“ hier lachte er „als sie mein Geld bekamen, haben sie sich beruhigt. Wie war das bei Dir, Fernando?“
„Dreizehn Jahre, auch auf den Tag ist es her, dass ich mit Leona hierher kam. Ich war Dozent an der Universität von Madrid, meine Frau war auf und davon mit einem Kollegen, und ich, nun, ich habe mich mit ihm in der Universität geschlagen und ihn dabei fast umgebracht. Oh, es war ein großer Skandal. Professor der Psychologischen Fakultät wegen versuchtem Totschlag angeklagt! Nun, ich kam mit Bewährung davon, weil mein Anwalt nachweisen konnte, dass mein Nebenbuhler den Streit begonnen hatte, und für Eifersuchtsdelikte hat man auf dem Festland einfach mehr Verständnis. Mit meiner Karriere aber war es vorbei. Als ich mit meiner vierzehnjährigen Tochter hierher kam, kostete ich den Wein bei meinem Vorgänger in diesem Lokal. ...“, er machte eine Pause, als ließe er die Erinnerung an diesen Geschmack noch einmal auf seiner Zunge entstehen.
„Wie hat er Ihnen geschmeckt?“ fragte ich.
„Nun, kühl und etwas leblos am Anfang, aber dann breitete sich in meinem Mund eine Wärme und Fülle aus wie, lachen Sie mich nicht aus, wie von einem Herdfeuer, dass von vielen Menschen umstanden wird. Einen anderen Vergleich habe ich nie gefunden, aber ich wusste in diesem Moment, dass ich mich mit meinem Kollegen geprügelt hatte, um diese Karriere zu beenden, diesem wissenschaftliche Kalkül zu entfliehen, der Kälte... und ich wusste, dass ich hier bleiben sollte. Nun, der alte Wirt suchte einen Nachfolger und so löste ich meine Wohnung in Madrid auf und blieb in dieser unbedeutenden, kleinen Taverne am Rand der Welt..“
„Und Ihre Tochter?“
„Das war nicht einfach, ein Großstadtkind aufs Land zu bringen. Aber die Menschen hier sind von einem besonderen Schlag und sie fand sich schneller zurecht als ich zu träumen gewagt hätte.“
Leona lächelte ein wenig.
„Es war wirklich nicht einfach. Aber ich war ein verträumtes Mädchen und diese Insel hier ist etwas für Träumer egal welchen Alters. Ich fand bald eine Freundin und hatte alle Bücher, die mein Vater mitgenommen hatte. Ich hatte einen Hund und die Ziegen, ja, und Eusebio, der hier den Leuchtturm betreut und der so etwas wie mein Ersatzgroßvater geworden ist.“ Der Mann mit der Baskenmütze am Nachbartisch nickte.
„Ich bin hier geboren und werde hier sterben“ sagte er. „Anders als ihr habe ich ohne zu säen geerntet. Oder sagen wir, ich erntete einfach, was da wuchs. Aber ich sprach mit vielen Leuten wie Euch und las auch darüber, man hat Zeit hier....“
„Ein bisschen?“ warf Fernando ein, „meine Bibliothek hast Du nahezu komplett verschlungen und mit mir hinterher über Dinge diskutiert, zu deren Verständnis ich ein halbes Leben lernen und studieren musste.“
„Es ist der Wind, der mir so viele Gedanken zugeweht hat. In Madrid ist er vielleicht nicht so stark und vielleicht ist es auch dein Wein, Fernando, der mich heiter und tief macht.“
Ich wandte mich an Eusebio.
„Der Wein, wie schmeckt er Ihnen?“
„Wie ein kräftiger Wind, der durch fruchtbare Gärten und duftende Blumen weht. Aber er prophezeit mir nichts, wenn Sie das meinen. Für mich ist er ein treuer verlässlicher Begleiter.“
Eine Weile breitete sich Schweigen aus, wie um dem Wind zuzuhören, der fast lautlos um das Haus strich. Ein Hund bellte in der Ferne.
Ich schaute auf mein Glas, das wieder aufgefüllt worden war, und spürte der Stille nach. Meine Gedanken gingen auf die Reise zu der Frau, die ich liebte, und die ich so gerne bei mir gewusst hätte. Aber es sollte nicht sein im Moment, wir waren im Streit auseinander gegangen, und für einen kurzen Augenblick schnürten mir Schmerz und Zorn die Kehle zu. Sollte sie sich halt nach mir sehnen, wie ich mich nach ihr. Ich nahm einen Schluck Wein, und dieser nahm den Schmerz und den Zorn mit, wandelte ihn in Wärme und Stille.
„Wo sind Sie eben gewesen? Gehen Sie nicht weg, wir haben soviel über uns geredet, entschuldigen Sie. Eigentlich stand am Anfang ja die Frage, warum Sie glauben, ihre Felder nicht gut bestellt zu haben. Sind Sie denn sicher?“
„Ich habe verstanden, was Sie mir sagen wollten“, erwiderte ich, Sie wollten mir klarmachen, dass es nicht an mir ist zu sagen, ob ich gut oder schlecht gewirtschaftet habe. Denn Sie haben ihre wohl geplanten Karrieren hinter sich gelassen, sind, wie heißt das heute, ausgestiegen, haben ihre wohl bestellten Äcker umgepflügt, aber das scheint mir alles so klar, so bestimmt. Auf meinen Feldern wächst alles durcheinander und ich habe keine Ahnung, was ich stehen lassen und was ich umpflügen soll. Ich habe nichts zurückzulassen außer einem Menschen und auch das weiß ich nicht genau.“
„Was wäre“, mischte sich Eusebio ein „wenn sich das Meer darüber Gedanken machte, das so viele verschiedene Schiffe auf ihm fahren?“
„Entschuldigen Sie, Eusebio, aber der Vergleich stimmt nicht ganz. Erstens bin ich nicht weit wie das Meer, sondern klein wie ein Mensch, zweitens soll das Meer nichts anderes tun, als die Schiffe tragen, und drittens denkt es nicht.“
„Woher wissen Sie das alles“, fragte er amüsiert zurück.
„Nun, es ist eben so. Jeder weiß das.“
„Ich nicht!“ sagte Eusebio schlicht.
„Haben sie etwa mit dem Meer gesprochen?“ fragte ich halb im Scherz.
„Aber ja“, erwiderte er „und es ist sehr weise. Aber es ist auch unberechenbar, wild und gefährlich. Es trägt nicht jedes Schiff, es verschlingt manche im Sturm, es reißt Städte in die Tiefe, es tötet jedes Jahr Zehntausende Menschen, aber es ernährt auch wiederum viele Millionen. Es ist Heimat von Milliarden von Lebewesen, es ist von solcher Vielfalt, dass mir manchmal schwindelig wird, wenn ich mit ihm rede.“
Er nahm einen tiefen Schluck aus seinem Glas.
„Sie sind der König über das Viele! Kein Bauer.“ sagte Leona unvermittelt zu mir.
„Blödsinn. Ich bin der Sklave des Zu vielen!“ antwortete ich abweisender als ich wollte.
Leona schaute mich nachdenklich an.
„Sag es ihm doch.“ Der Wirt legte die Hand auf den Arm seiner Tochter.
„Es ist so,“ begann sie „dass ein Fremder, der genau an diesem Tag des Jahres in unseren Ort kommt und in diese Taverne kommt, seinen Platz bei uns finden soll.“
Ich erschrak. Wo war ich hier hineingeraten? Von Anfang an war mir dieser Ort eigentümlich vorgekommen, etwas hatte mich gewarnt. Warum hatte ich nicht darauf gehört? War mir nicht schon an der Form der Häuser etwas aufgefallen? Diese merkwürdige kaum zu erfassende Ästhetik, die sich zwischen Einheimischem und völlig Fremdem bewegte, so als ob die Leute hier keinen baulichen Regeln verpflichtetet wären? So, als ob alle Länder der Welt hier und da einen kleinen Baustein beigesteuert hätten, kaum zu sehen aber doch unübersehbar. Diese nicht einzuschätzenden Außenmauern, hoch oder niedrig, hinter denen sich Reichtum ebenso wie Armut verbergen konnte und überhaupt die Art, wie sich dieser Ort in die Landschaft einfügte, vielfältig einerseits, aber auch anderseits so, als wolle er sich vor ungebetenen Gästen verstecken! Was ging hier vor?

„Sie sind dageblieben. Alle und freiwillig!“
„Und wenn ich nicht bleiben will?“ fragte ich heftig und voller Abwehr.
Manuel lachte leise.
„Sie alle sind auch zunächst wieder nach Hause gefahren!“
„Manche sind erst nach zwei Jahren wiedergekommen,“ ergänzte eine rothaarige Frau, die mit der Gruppe hereingekommen war.
„Und wenn ich nicht will? Ich habe andere Pläne, ich habe meine Liebe weit fort von hier, ich habe keine Karriere zum wegwerfen, kein Haus zu verkaufen, kein Geld, nichts...“
„So, bei deiner Liebe warst du vorhin in Gedanken“ , sagte Leona leise, und ich glaubte einen Anflug von Enttäuschung in ihrer Stimme zu spüren, aber vielleicht bildete ich mir das nur ein. Außerdem hatte sie zum vertrauten Du gewechselt, aber das geht schnell in solch abgelegenen Orten.
„Bring sie doch mit!“
„Das würde sie nie tun. Sie ist fest in der Welt verankert und hat noch viel vor, hier wäre für sie das Ende aller Träume!“
„Vielleicht fragst du sie, bevor du uns ihre Meinung sagst, nicht wahr?“ erwiderte Leona.
Ich schüttelte den Kopf. Was war das? Ich hatte mich immer nach so einem Platz gesehnt, nach Menschen, die zu mir sagen, komm zu uns. So merkwürdig diese Situation war, sie hatte auch etwas Vertrautes. Etwas Vertrautes, das mir Angst machte.
„Und was soll ich hier tun um zu leben? Wo soll ich wohnen?“
„Du bist der König des Vielen und das Viele ist dir untertan, es gehorcht dir. Wie kannst du so eine Frage stellen?“
„Es hat mir noch nie gehorcht!“
„Du hast ihm vielleicht noch nie befohlen zu gehorchen. Das Viele ist für dich da, damit du es beherrscht, nicht umgedreht.“
Die anderen nickten beifällig.
„Aber...“
„Aber“, unterbrach Eusebio, der sich mit dem Meer unterhielt, “das kann man lernen. Damit dir das Viele gehorcht, brauchst du die Stille um dich. Hier ist es still. Es ist ein wenig wie mit Manuels Ziegenherde.“ Er wandte sich zu ihm. „Erinnerst Du Dich noch, wie sie Dich am Anfang beherrscht hatten und taten, was sie wollten?“
Manuel lachte: „Ich geriet so in Zorn über sie, dass ich zu einer alten Reitpeitsche griff und sie zwingen wollte, aber sie waren dickköpfiger als ich. Seine Herde zu beherrschen hat nichts mit zwingen zu tun. Gar nichts!“ Er wurde wieder ernst und erhob sich.
„Und nun ist es gut für heute.“
Ich trank den letzten Schluck aus meinem Glas. Niemand sprach, alle nickten mir zu als auch ich aufstand um zu gehen. Leona sammelte die Flaschen und Gläser ein, und ich murmelte einen leises „Gute Nacht“ und tastete mich durch die warme Dunkelheit ins Nebenhaus in mein kleines Zimmer. Auf der Marmorplatte meines Nachttisches lagen zehn Muscheln in einem Kreis. In der Mitte des Kreises stand ein kleine Vase, in der ein Zweig mit vielen winzigen Blüten steckte.
Ich schlief unruhig. Trotz oder wegen der Stille. Ich wusste, das ich weiterfahren würde. Weiter und weiter, bis ich zuhause war.
Am Morgen weckte mich ein Sonnenstreif, der durch den Fensterladen auf mein Gesicht fiel. Weit weg hörte man einen Fischkutter heim kommen.
Ich stand auf und wusch mich, bangte ein wenig der Begegnung mit Leona und Fernando entgegen, die ich zwangsläufig im Gastraum sehen musste. Ich betrat das Lokal durch die Seitentür. Die Läden waren schon geöffnet. Das Licht des klaren Morgenhimmels fiel auf einen einfachen aber einladend gedeckten Frühstückstisch. Ein Zettel lag neben dem Teller, von zwei Weinflaschen beschwert.
„Wir sind zum Einkaufen in die Stadt. Genieße das Frühstück. Den Wein nimm bitte mit in dein Land und trinke ihn, wenn du spürst, dass eine Entscheidung ansteht. Ob Du mit oder ohne Deine Königin kommst, Du bist uns willkommen, lieber König des Vielen. Leona“
