Meine Schneelandschaft
Wenn es Tage gab, die ich hasste und fürchtete, waren es die, an denen ich diese beängstigende Leere in spürte. Dort wo gestern noch Liebe und Leben war, sah ich heute nur eine schweigende Schneelandschaft. Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass dieser Zustand nur ein vorübergehender war, und der Schnee oft innerhalb einer Stunde tauen und einem lebensvollen Frühlingstal weichen konnte. Aber wenn ich in meiner Schneelandschaft stand, um mich herum nichts als schweigendes Weiß, dann war mir so, als müsste ich den Rest meines Lebens dort bleiben. Diese Schneelandschaft konnte jederzeit in mir entstehen, egal ob vor meinem Fenster ein trister Wintertag oder ein strahlender Augustmorgen erwachte.
Dies war wieder so ein ungeliebter Tag, Winter in der äußeren wie in der inneren Welt. Erst sah alles aus wie immer. Um mich herum sanfte Hügel die zu einer Ebene hin ausliefen, im Norden - woher kannte ich die Himmelsrichtungen dieses Bildes? - drängten sich dunkle Nadelbäume auf den Hängen, schwer mit Schnee beladen. Im Süden wurde die Landschaft eben, nur von den winzigen Hügeln der verschneiten Büsche unterbrochen. Kein Laut war zu hören, kein Mensch kein Tier weit und breit. Noch nie hatte ich hier Leben entdeckt, noch nicht einmal eine Spur im Schnee. In dieser Einöde war jedes Suchen sinnlos. So stand ich, an meinem Platz, den ich seit so vielen Jahren kannte und warte, bis die Landschaft wieder verlöschen würde, egal ob es Stunden oder Tage waren.
Über mir spannte sich ein Himmel von lichtem Grau. Keine Wolkenformationen unterbrach das Gleichmaß. Trotzdem hatte das flutende Licht nichts Niederdrückendes. Es war vollkommen neutral. Ein Licht ohne jede Eigenschaft.
Wie immer schaute ich nach Süden in die Ebene, hinter mir die dunklen Wälder, die mich erst beunruhigt hatten aber inzwischen für mich einen Schutzwall gegen die Weite bildeten. Abwesend sah ich hinaus in die weiße Gleichförmigkeit, ein endloses Largo von Gorecki. Ich erwartete nichts und suchte nichts und doch war heute etwas anders an dem vertrauten Bild.
Ich sah mich um nach einer Ursache und fand sie nicht. Die Wellen des verschneiten Buschwerkes vereinten sich zum Horizont zu einer glatten Fläche, die in den konturenlosen Himmel überzugehen schien. Hörte ich etwas? Es wäre das erste Mal gewesen, dass sich ein Geräusch außer dem meines Atmens in diese Landschaft stahl. Um besser hören zu können, schloss ich die Augen. Ich war nicht sicher ob es nur das Rauschen meines eigenen Blutes war, das mich in dieser absoluten Stille vielleicht narren konnte. Es wurde deutlicher, wenn ich den Kopf nach auf links wandte. Aber was war es? Es klang wie ein leichtes Scharren und das ferne rhythmische Knarren eines Lederriemens. Ich öffnete nach einiger Zeit wieder meine Augen und dann sah ich den Grund.
Um den Fuß des auslaufenden Hügel bahnte sich eine Gestalt den Weg durch den hohen Schnee, aber sie sank nicht ein. Unter den Füßen trug sie Schneeschuhe und auf dem Rücken ein fellgeschnürtes Bündel.
Immer hatte ich angenommen, dieses sei nur meine Landschaft in der niemand lebte außer mir, in der sich nie etwas ändert, die ich im Lauf der Zeit mit mehr Gelassenheit zu ertragen gelernt hatte und nun war da ein anderer Mensch, fremdartig in einen dicken Pelzmantel gepackt und wie ich nach und nach erkannte, eine Wollmütze mit Ohrenklappen auf dem Kopf. Er kam auf mich zu. Was sollte ich tun?
Ich entschloss mich zu einem Schritt, dann zu einem zweiten. Ich sank zwar tief im Schnee ein, aber es ging leichter als ich dachte. Ich musste meinen Besucher begrüßen. Immer schneller schritt ich aus, lief fast und stolperte prompt über einen verborgenen Ast. Der kleine Hang, der mich noch von der Ebene trennte, wurde zur Rutschbahn. Ohne mich irgendwo festhalten zu können, schlitterte ich, mich um mich selbst drehend hinunter und landete genau vor den Füßen der fremden Gestalt. Noch bevor ich mich mühsam erheben konnte um aus diesem etwas würdelosen Empfang das Beste zu machen, setzte sich der andere auf seine Fersen, wie um mit mir auf der selben Höhe zu sein, sah mich für einen kurzen Augenblick an und begann dann so unbändig zu lachen, dass er selbst den Halt verlor, fast auf den Rücken fiel und geschüttelt von seinem Gelächter nach Luft schnappte.
Zuerst war ich etwas verärgert, denn ich dachte, er lacht über mich, dann aber wurde mir die Komik der Situation klar und ich begann selbst zu lächeln, ohne es zu wollen. Meine Verlegenheit wich, ich stand auf und reichte dem Neuankömmling die Hand um ihm beim Aufstehen zu helfen, denn mit seinem Bündel und den Schneeschuhen fiel ihm das sicher nicht leicht. Er griff zu und erhob sich überraschend leicht. Ich schaute in ein altersloses Männergesicht.
„Also wirklich!“ sagte er. „Solange hast du an einem Fleck gestanden und nun hast du es so eilig, dass du dich geradezu überschlägst.“
„Wer bist du?“ fragte ich zurück.
„Ich habe dich schon immer beobachtet, oben aus den Wäldern. Du erscheinst hier und verschwindest wieder wie ein Gespenst. Nie hast du etwas anderes getan als dort zu stehen und zu warten. Anfangs hatte ich Angst vor dir, denn ich habe noch nie ein Wesen gesehen, dass aus der Luft kommt und sich wieder in ihr auflöst, aber dann, als ich sah, dass du dort nur stehst und wartest bis du dich wieder auflöst, nahm ich an du gehörst hierher wie die Bäume und machte mir keine Gedanken mehr darüber.“
Ich sah ihn erstaunt an.
„Wenn Du mich seit so vielen Jahren beobachtet hast, warum habe ich dich dann nie gesehen? Nicht einmal deine Spuren? Und entschuldige, wenn ich so neugierig bin, dass ich meine Frage wiederhole: Wer bist du?“
„Was ist ein Jahr?“ fragte er zurück.
Was war das für eine Frage. Wusste er wirklich nicht, was ein Jahr war, oder wollte er mich auf den Arm nehmen und wieso antwortete er nicht auf meine Frage?
„Ein Jahr, das sind dreihundertfünfundsechzig Tage und ein Tag sind vierundzwanzig Stunden,“ erklärte ich ihm.
„Was ist ein Tag? Entschuldige, wenn ich so dumm bin.“
„Ein Tag ist, wenn es einmal hell und dunkel geworden ist.“
Er überlegte einen Moment.
„Aha, dann ist ein Tag, wenn ich durch den Wald gehe, in dem es so dunkel sein kann, dass ich meine eigene Spur kaum noch erkenne.“
Er hatte mich offenbar missverstanden.
„Nein, nein, ein Tag ist, wenn die Sonne einmal auf und untergegangen ist. Wenn alles einmal hell und einmal dunkel geworden ist.“
„Alles dunkel?“ fragte er erstaunt. „Das ist noch nie passiert. Oh, es wäre entsetzlich , wenn plötzlich alles dunkel würde.“
Plötzlich wurde mir klar, warum er mich nicht verstand. Hier gab es keine Nacht. Immer wurde diese Landschaft vom gleichen milden grauen Licht erhellt.
„Ich glaube,“ sagte er plötzlich lebhaft „dort wo du bist wenn du nicht hier stehst, ist alles anders. Erzähle mir davon. Aber nimm zuerst das,“ damit öffnete er sein Bündel, entnahm ihm ein paar Schneeschuhe, eine Pelzjacke und eine Mütze „denn ich war eigentlich hergekommen, um dich in mein Haus einzuladen. Ich und die Menschen die dort wohnen haben lange keinen Besuch mehr gehabt und zu essen haben wir reichlich. Es ist nicht weit, mit den Schneeschuhen sind wir bald da und in dem Mantel wirst du nicht frieren.“
Frieren? Ich hatte nie Kälte wahrgenommen, denn dies war eine Landschaft meines Geistes nicht meines Körpers, aber plötzlich spürte ich, wie mir die Schneeluft unter meine dünne Kleidung kroch. Dankbar nahm ich den Mantel und die Mütze und ließ mir beim Anlegen der Schneeschuhe helfen.
Wir gingen leicht, mit weit ausholenden, fast gleitenden Bewegungen über den Schnee. Die eigentümliche Konstruktion der Schneeschuhe war fast gewichtslos und verhinderte jedes Einsinken. Wie lange mochten wir so unterwegs gewesen sein? Hinter einem neuerlichen Ausläufer der Hügelkette erhob sich eine Rauchfahne, die sich schwach vor dem Himmel abzeichnete.
Mein Begleiter stieß einen langen trillernden Pfiff aus, der nach kurzer Zeit beantwortet wurde.
„Sie werden das Feuer kräftig anheizen und ein großes Stück Fleisch kochen und wir werden trinken und Geschichten erzählen,“ sagte er mit blitzenden Augen.
Vor uns öffnete sich bald ein kleines Tal, an dessen Ausgang einige Hütten standen. „Hütten“ war eigentlich das falsche Wort, denn es suggeriert immer etwas kleines, ärmliches. Diese hier waren eher ein Mittelding zwischen Zelt und Haus. Achteckige Bauten aus Baumstämmen mit einem zeltähnlichen Dach aus dessen Mitte der Rauch aufstieg.
Schweigend und etwas ängstlich, schien es mir, erwarteten uns die Bewohner des kleinen Dorfes. Aber als sie merkten, dass ich nichts Furchterregendes an mir hatte, öffneten sie mir gastfreundlich die Tür, aus der mir der Geruch von kochendem Fleisch, Holzfeuer und Menschen entgegenschlug.
Die Schneeschuhe wurden in einer Art Flur abgestellt und sorgfältig abgeklopft. Im Inneren des Hauses strömte Licht durch die Zeltdecke, die mit einem transparenten, pergamentähnlichen Material bespannt waren. Alles war in ein warmes gelbliches Dämmerlicht gehüllt, in der Mitte des Raumes flackerte ein Feuer unter einem großen Topf mit kochender Brühe in der Fleischstücke und Kräuter schwammen.
„Setz dich und iss und trink!“ Eine Frau, ebenso alterslos wie mein Begleiter führte mich zu einem fellbespannten Hocker. Ich ließ mich nieder und schaute mir die Gesichter der Menschen an. Ihre Kleidung war etwas verschiedenartig aber ihre Gesichter ähnelten sich wie die eineiiger Zwillinge. Kinder oder alte Leute sah ich nicht. Wenn sie in dieser zeitlosen Welt überhaupt so etwas wie ein Alter hatten, mochten sie ungefähr das meine haben, aber mit Sicherheit hätte ich es nicht sagen können. So unterschiedslos ihre Gesichter waren, so vielfältig waren ihre Stimmen. Hoch, tief, kräftig, verhalten, zitternd oder entschlossen.
Sie fragten mich aus über meine Welt, dass ich zunächst gar nicht dazu kam, selbst Fragen zu stellen. Nur hin und wieder machten sie eine Pause aus Höflichkeit, weil sie merkten, dass ich vor lauter antworten gar nicht zum Essen kam. Als nur noch eine Handbreit Flüssigkeit im Topf dampfte und alle gesättigt waren, schenkten sie ein seltsames, nach Waldboden riechendes Getränk aus, das wohl eine Art Bier darstellte und schnell und leicht in den Kopf stieg ohne Schwere oder Müdigkeit zu erzeugen.
„Ich möchte mit meiner Neugier nicht unhöflich sein,“ begann ich nach dem zweiten Becher, „aber nun hätte ich gerne von euch gewusst, wer ihr seid, seit wann ihr hier lebt und von wo ihr kommt.“
Mein Begleiter hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.
„Wir hatten eigentlich gehofft, dass du uns das erklären kannst. Wir selbst haben uns das gerade erst zu fragen begonnen und haben noch keine Antwort.“
„Aber ihr müsst doch Kinder haben und Alte, die euch vielleicht etwas dazu sagen könnten.“
Die Menschen sahen sich hilflos an.
„Was sind Kinder und Alte?“
„Ihr habt doch nicht immer so ausgesehen wie heute oder? Irgendwann wart ihr doch klein, hattet Mütter und Väter, die euch großzogen!“
„Wir können uns nicht daran, jemals anders gewesen zu sein als heute,“ sagte eine Frau aus dem Kreis und alle nickten.
„Aber wir waren früher mehr,“ ergänzte einer der Männer. „Immer wieder geht einer von uns in die Wälder und kommt nicht zurück.“
„Vielleicht verschwinden sie dort wie du dies immer wieder tust,“ fügte mein Gastgeber hinzu „Wir glauben, dass sie in eine andere Welt gehen. Auch das wollten wir dich fragen: Hast du sie gesehen?“
Für einen Moment verschwamm das Bild des Raumes und meine Frühlingslandschaft tauchte auf. Sie war belebt von Formen und Farben und auch von Menschen. Ich hatte mir nie Gedanken darüber gemacht, dass sie da waren, hatte hin und wieder in ihren Eigenschaften Aspekte meiner selbst erkannt, aber wo sie herkamen, wusste ich nicht. Im Laufe der Zeit war ihre Zahl gewachsen und ich hatte auch das einfach hingenommen, ohne nachzudenken. Aber sie sahen anders aus, als diese hier. Ihre Stimmen und ihre Kleidung waren ebenfalls unterschiedlich, aber ihre Gesichter und ihre Statur ebenfalls.
Ich schloss meine Augen und legte die Hände vor das Gesicht. Für einen Moment brauchte ich diese Zurückgezogenheit um dem Gedanken Platz zu schaffen, der gerade an das Tageslicht wollte: Ich war es selbst, der diese Geschöpfe in mein Frühlingsland holte. Ich war es, der ihnen als Aspekte meiner selbst Gesicht und Individualität verlieh. Ich war der Schöpfer sowohl dieser als auch der anderen Welt und vor mir im Kreis saßen all die ungelebten und unerkannten Facetten meines Inneren.
Ich zog die Hände von meinem Gesicht und öffnete die Augen.
„Ja, sie sind mir begegnet und ich habe sie alle gesehen. Aber erst seit eben weiß ich, woher sie kommen: Aus eurem stillen Schneeland, dass ich erst gefürchtet und dann zu ertragen gelernt habe und dessen wirkliche Bedeutung ich aber erst jetzt erkenne.“
„Geht es ihnen gut?“ fragte eine der Frauen.
„Ich glaube ja, manchen zumindest. Andere wirken noch etwas traurig, weil ich sie noch nicht richtig empfangen habe in diesem anderen Land.“
„Wirst du sie denn empfangen, damit es ihnen besser geht?“
„Oh ja,“ antwortete ich „ jetzt da mir klar wird, wer sie sind und woher sie kommen werde ich sie empfangen.“
„Dann soll es gut sein.“ sagte mein Gastgeber.
Das Bild um mich verschwamm.
„Seht nur.“ hörte ich ihn noch sagen „so habe ich es immer wieder erlebt...“
Und die Stimmen, teils erstaunt, teils erschrocken verebbten.
Ich fand mich im Sessel meiner vertrauten Wohnung wieder. War ich eingeschlafen? Hatte ich am hellen Morgen geträumt? So tief war ich noch nie in diese flüchtige Landschaft eingetaucht.
Ein freundliches Stück Himmelsblau zeigte sich im Fenster und ein leichter Geruch nach gekochtem Fleisch, Kräutern und Waldboden hing in der Luft.